Vertrauen der SAP-Mitarbeiter in die Unternehmensführung schwindet
Nach Stellenstreichungen und Umstrukturierungen ist das Vertrauen der SAP-Mitarbeiter in die Führung gesunken.Kittyfly – shutterstock.com
Betrachtet man die Geschäftszahlen, hat SAP gehalten, was es angekündigt hatte: Der Walldorfer Softwarekonzern schloss seinen Umstrukturierungsplan, von dem 10.000 Mitarbeiter betroffen waren, bis Anfang 2025 ab, stabilisierte die Mitarbeiterzahl und legte starke Finanzergebnisse vor. „Aber Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte“, so Sanchit Vir Gogia, Chefanalyst bei Greyhound Research: „Innerhalb des Unternehmens ist etwas zerbrochen.“
Das belegt eine kürzlich durchgeführte interne Umfrage, aus der hervorgeht, dass viele Mitarbeiter der Unternehmensführung und ihrer Strategie nicht mehr vertrauen.
Das Vertrauen in den Vorstand von SAP sei seit April um sechs Prozentpunkte auf nur noch 59 Prozent gesunken, schrieb Chief People Officer Gina Vargiu-Breuer in einer internen E-Mail, die Bloomberg vorliegt. Im April 2021 lag dieser Wert noch bei über 80 Prozent, berichtete Bloomberg unter Berufung auf einen lokalen Medienbericht.
Das Vertrauen in die Umsetzung der Unternehmensstrategie sei seit April dieses Jahres von 77 auf nun 70 Prozent gefallen.
Keine Zeit zum Lernen
„In Deutschland liegt dieser Wert sogar noch tiefer. Dort geben nur 38 Prozent an, dass sie der Führung voll vertrauen“, erklärt Gogia. „Und es handelt sich nicht nur um einen Stimmungseinbruch. Über 38.000 Mitarbeiter äußerten konkrete Bedenken.“
Das Muster ist klar, so der Analyst: „Verwirrung um neue Leistungsziele, unzureichende Unterstützung bei der Implementierung von KI, instabile Teamdynamik und kaum Spielraum zum Lernen.“
Hier gehe es nicht um Widerstand gegen Veränderungen: „Die Menschen verstehen die Vision“, sagte er. „Das Problem ist die Belastung durch die Umsetzung. Man kann keine groß angelegten Transformationen, insbesondere KI-First-Initiativen, vorantreiben, ohne Systeme aufzubauen, die die Mitarbeiter mitnehmen.“
Im Rahmen des Plans von SAP, sich bis 2028 zu einem kompetenzorientierten Unternehmen zu wandeln, sollten bis Mitte dieses Jahres 80 Prozent der Mitarbeiter modernisierten Stellenprofilen zugewiesen werden, erklärte Gina Vargiu-Breuer, Chief People Officer bei SAP, Finanzanalysten im Mai auf der Sapphire-Hausmesse. Dies sollte „KI-personalisierte Wachstumschancen erschließen“, basierend auf einer „extern validierten, globalen Skill-Taxonomie“ mit 1.500 zukunftsfähigen Kompetenzen, so die Arbeitsdirektorin von SAP. Zudem seien 15 Prozent der Arbeitszeit für kontinuierliche persönliche Weiterbildung vorgesehen.
In der aktuellen E-Mail, die Bloomberg vorliegt, räumte Vargiu-Breuer jedoch ein: „Das Feedback zeigt, dass nicht jeder Schritt [der Transformation] so gelaufen ist, wie er sollte. ”
Unfiltered-Pulse-Umfrage
In einer Stellungnahme gegenüber der US-Schwesterpublikation CIO.com erklärte SAP, dass die „Unfiltered-Pulse”-Umfrage, die die Probleme aufzeigte, „darauf ausgelegt war, differenziertes Feedback von Mitarbeitern zu sammeln, wobei der Schwerpunkt sowohl auf Stärken als auch auf Verbesserungsmöglichkeiten lag. Die Befragten haben beispielsweise angegeben, dass hilfreiches Feedback sowie Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten ihr Wachstum unterstützen. Auch die Ergebnisse in Bezug auf die Teamkultur sind weltweit positiv.”
SAP zufolge nahmen 84 Prozent der mehr als 100.000 Mitarbeiter an der jüngsten halbjährlichen Umfrage teil. Zwar gab es einige positive Aspekte, so das Unternehmen, „die Ergebnisse zeigen jedoch auch deutlich, dass das Engagement der Mitarbeiter und das Vertrauen in den Vorstand Aufmerksamkeit erfordern. Nach einem Anstieg der Stimmung in der vorherigen Umfrage ist in der jüngsten Pulse-Umfrage ein Rückgang zu verzeichnen.
„Wir schätzen dieses Feedback sehr und ergreifen gezielte Maßnahmen, um darauf zu reagieren. Daher führen wir konkrete Maßnahmen durch, um auf die Rückmeldungen unserer Mitarbeiter einzugehen und sinnvolle Veränderungen voranzutreiben“, betont der Software-Gigant.
Welche Maßnahmen das sind, hat SAP bislang nicht offengelegt.
Yaz Palanichamy, Senior Advisory Analyst bei der Info-Tech Research Group, bezweifelt ohnehin, dass diese Wirkung zeigen: „Die Mitarbeiter von SAP sind aufgrund der Bemühungen zur Unterstützung dieses Umstrukturierungsprogramms desillusioniert.“
SAP habe die Initiative als strategische Neuausrichtung hin zu skalierbarem Cloud- und KI-Wachstum dargestellt, erklärt er. Doch aufgrund der hohen Zahl der betroffenen Stellen – und der Umstand, dass diese deutlich über das ursprüngliche Ziel von 8.000 hinausgeschossen sei, seien viele SAP-Mitarbeiter hinsichtlich ihrer Arbeitsplätze und der Führungsspitze verunsichert.
Sie seien besorgt über die Stabilität und Klarheit der Organisation und darüber, ob ihre Umschulung ausreichend unterstützt werde, fügt Palanichamy hinzu: „Wenn die kulturellen und operativen Lücken in Bezug auf Arbeitsmoral, Talentbindung und organisatorische Rollenausrichtung nicht proaktiv angegangen werden, könnte dies die Wachstumsambitionen von SAP im Bereich Cloud und KI erheblich behindern.“
SAP ist kein Einzelfall
SAP sei nicht das einzige Unternehmen, das mit diesen Problemen konfrontiert ist, betont Gogia und verweist auf ähnliche Reaktionen nach Entlassungen bei der Belegschaft von Salesforce oder Oracle. „Der Fall von SAP sticht jedoch hervor, da die Leistung an der Spitze solide war, aber das Vertrauen der Mitarbeiter darunter erodierte“, so der Greyhound-Analyst. „Diese Diskrepanz ist gefährlich. Wenn die Dynamik an der Oberfläche nicht durch eine Ausrichtung im Kern gestützt wird, entstehen Risse in der Umsetzung, die Konsistenz bricht zusammen und die Partner spüren die Unsicherheit. Die Umsetzung scheitert nicht auf einmal. Sie zerfällt. Still und leise. Schritt für Schritt.“
SAP ignoriere diese Probleme nicht, merkt er an. Das Unternehmen habe bereits begonnen, Maßnahmen zu ergreifen, Führungskräfte ernannt, Prioritäten kommuniziert und die Art und Weise, wie Teams bewertet werden, überdacht.
„Das ist gut“, so Gogia. „Aber die eigentliche Lösung kommt nicht durch Ankündigungen, sondern durch gelebtes Verhalten. Vertrauen kehrt zurück, wenn die Menschen nicht mehr spekulieren müssen, was als Nächstes kommt, wenn sich die Systeme stabilisieren, wenn Führungskräfte sichtbar bleiben und wenn sich ein Gleichgewicht bei der Arbeitsbelastung einstellt.“ (mb)
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